LESEPROBE | Im Angesicht meines Schicksals | Nodar Macharashvili

 

Die Pistole herauszuholen und zu schießen geschah gleichzeitig. Ein am Unterleib verletzter Schläger stürzte auf die Theke des Kiosks. Aber dann geschah ein Wunder, wie es sehr selten vorkommt: Der „Makarow“-Mechanismus versagte und die zweite Kugel wurde nicht abgefeuert. Allerdings ist dafür die prozentuale Wahrscheinlichkeit geringer als für einen Tod durch Blitzschlag. Aber genau das passierte. Von hinten fühlte ich einen fürchterlichen Schlag. Ich bekam einen eisernen Schlagstock ab. Ich wurde nicht bewusstlos, das Blut brach jedoch wie eine Fontäne hervor. Auf den ersten folgte der zweite Schlag, und ich war weg.

Als ich meine Augen öffnete, lag ich auf dem Boden und einer der Kerle schleppte mich zu einem Auto. Lieber wäre ich gestorben, als in dieses Auto einzusteigen, und ich kämpfte mit letzten Kräften dagegen an. Im selben Moment riss ich mich von ihnen los, aber wieder traf mich ein Schlagstock. Weil sie mich nicht fertigmachen konnten und auch ihr Kumpel verwundet war, misslang die ganze Aktion. Sie versuchten erneut, mich anzugreifen, aber ich war schon auf den Beinen und für sie wurde es schwierig, zum Zug zu kommen. Viele Leute schauten unserem Kampf zu, aber niemand unternahm etwas, außer das ergötzliche Schauspiel zu genießen. Dies war fast immer der Fall. Schließlich packten sie ihren von der Kugel getroffenen Kumpan und flohen.

Ich hörte eine Polizeisirene und mit Ach und Krach entkam ich aus dieser Gegend. Blut lief mir über die Augen und hinderte mich daran, klar sehen zu können. Ich hatte meine Waffe verloren. Sie war mir aus der Hand gefallen, als sie mich von hinten schlugen. Wo sollte ich hingehen, zu Popow oder ins Krankenhaus? Ich blutete stark, entschied mich aber trotzdem, zu Popow zu gehen. Passanten starrten mich erstaunt und besorgt an, aber niemand dachte an Hilfe. So ist Moskau, hier muss man alleine überleben. An der Ecke sah ich ein Taxi. Das Sehen wurde schwieriger, und nur mühsam erreichte ich das Auto.

Was ist mit dir passiert? Wo soll ich dich hinbringen? – Der aserbaidschanische Fahrer schien ein netter Kerl zu sein.

Nach Presnya.

Komm, schnell, steig ein, – bedrängte er mich und half mir beim Hinsetzen. – Ich bringe dich ins Krankenhaus.

Nein, nach Presnya, –  sagte ich.

Du wirst verbluten! – schrie der Fahrer.

Wenn du es rechtzeitig schaffst, werde ich nicht verbluten.

Er sagte nichts mehr. Wie ein Formel-1-Rennfahrer saß er am Lenkrad und erhöhte die Geschwindigkeit. Wir waren im Handumdrehen da oder mir schien es so, keine Ahnung, aber als ich den Kopf hob, standen wir schon am Aufgang zu Popows Wohnung.

Ich werde dich bis zur Wohnungstür bringen.

Nein. Ich geh alleine.

Wo gehst du allein hin, – gab der Fahrer nicht auf, – ich bringe dich bis zur Wohnungstür.

Nein, nein, glaub mir, es ist besser so.

Wie du willst … - zuckte er die Schultern.

Ein toller Mensch bist du – Ich legte meine Hand auf seine Schulter und zog das Geld aus meiner Tasche.

Ohne zusätzliches Geziere nahm er das Geld. Ich schaffte es kaum in die Wohnung. Die Tür war verschlossen. Mit Mühen drehte ich den Schlüssel um. Betrat blutend die Wohnung. Man hörte keinen Laut. Saschkas und Vovas Zimmer waren leer. Ich drehte mich um und durch die ein wenig geöffnete Schlafzimmertür sah ich Nataschka und Zhenya Arm in Arm schlafen. Zu sagen, dass ich von diesem Bild entsetzt war, wäre übertrieben, es war einfach der Fall, dass ich lieber gestorben wäre, als so zu erscheinen.

Natürlich war es nicht überraschend, dass ihr Treffen mit Sex endete oder begann, aber der Anblick der beiden nackten Körper vergällte mir trotzdem alles. Ich wurde weich in den Knien, musste aber noch alles Mögliche erledigen, bevor ich die Wohnung verlassen konnte. Vor meinen Augen wurde es für eine Sekunde dunkel, aber mein Selbstwertgefühl ließ mich nicht fallen. Mit Müh und Not öffnete ich die Tür und ging auf den Flur hinaus. Vielleicht war der Taxifahrer noch da, vielleicht erwischte ich ihn noch und er könnte mich zum Krankenhaus bringen, dachte ich. Ging ein oder zwei Stufen hinab und es wurde dunkel um mich herum … es wurde dunkel ohne Mond und Sterne, ohne den Nachthimmel … es wurde dunkel ohne Gott … Ich wurde bewusstlos.

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Ich kam im Sklifosovsky Institut für medizinische Erste Hilfe zu Besinnung. Saschka saß an meinem Bett. Es war niemand anderes da. Das Licht war an, aber es flackerte leicht. Ich konnte nichts fühlen. Auch keine Schmerzen.

Bist du wieder am Leben?

Ja, wieder, – bestätigte ich Saschka.

Hast du Kopfschmerzen?

Nein.

Nataschka hat dich im Aufgang gefunden.

Ach ja?

Ja.

Ach du liebe Zeit.

Wie viele waren es?

Wer? – stellte ich plötzlich eine idiotische Frage.

Sirenen auf dem Mond, wieso denn „wer“, was für eine Frage?! Wie viele Männer schlugen dich?

Vier.

Es waren Panow-Leute, – sagte er, als wüsste ich es nicht selbst.

Ach komm schon.

Wie sind sie auf deine Spur gekommen?

Keinen Schimmer.

Bist du wegen Zigaretten rausgegangen und sie haben dich erwischt?

Zuerst war ich überrascht, was er mich fragte, merkte dann aber sofort, dass seine Schwester dies so erzählt hatte. Meine Abwesenheit in der Wohnung hatte unnötige Zweifel und Fragen aufkommen lassen, die Nataschka angesichts der Vorkommnisse des gestrigen Tages nicht passten. Saschka war kein Wachhund, der die Unschuld und Jungfräulichkeit seiner Schwester bewachte, aber er würde es auch nicht gutheißen, was in seiner und Vovas Abwesenheit geschah. Zhenyas splitternackte Zügellosigkeit in Presnyas vier Wänden würde er weder Natascha noch ihrem neuen Schätzchen vergeben. Erstens wusste er nichts von ihrer Liebesaffäre, und sollte er diese Überraschung in der gestrigen Ungezügeltheit erlebt haben, würde das seiner jüngeren Schwester nicht wirklich zum Vorteil gereichen. Zu sagen, Saschka sei ein strenger Bruder, wäre nicht richtig, aber Nataschka begann ihre Affäre mit Zhenya auch mit einem sehr kühnen Start. Außerdem würde es meinen russischen Freund völlig wütend machen und verärgern, dass diese Sache in der Wohnung in Presnya begann.

Kurz gesagt, Natascha Vladimirowna hatte gelogen, ich sei in der letzten Nacht zu Hause gewesen.

Was fehlt dir? Warum bist du so erstarrt? Du bist wegen Zigaretten rausgegangen und in dem Moment haben sie dich erwischt?

Bei meinen Überlegungen vergaß ich völlig, dass Saschka auf eine Antwort wartete.

Was sollte mir fehlen? Ich bin von den Toten auferstanden und es geht mir immer noch gut. Ja, genauso war es, ich war wegen Zigaretten unterwegs und wurde erwischt, – erwiderte ich verärgert und setzte ich mich im Bett auf.

Bleib liegen, nicht aufsetzen.

Macht nichts, es tut nicht weh.

He, Alter, einfach erstaunlich, der Arzt sagt, du hast nicht mal eine Gehirnerschütterung.

Ja, wirklich?

Klar!

Müssen sie was nähen?

Ja, der Arzt kommt und näht dir den Kopf und die Wange.

Nicht die Wange, die Narbe wird bleiben.

Wenn du ein glattes Gesicht und dein Hollywood-Lächeln behalten wolltest, solltest du keine Scheiße bauen.

Ich hab doch keine Scheiße gebaut, – stellte ich mich als bedauernswert hin.

Ist ein Schlag auf Panows Gesicht aus patriotischen Motiven kein Scheiße-Bauen?

Ich mochte Saschkas Wortschatz und seinen ironischen Tonfall. Er erinnerte mich an meinen Vater.

Wo sind Vova und Nataschka?

Was heißt Vova und Nataschka, du flegelst dich hier auf dem Bett wie ein Fürst rum und wunderst dich nicht, dass keine Polizei kommt und wieso ich überhaupt in das Krankenzimmer darf?

Wie überraschend traf mich die Erkenntnis, so etwas Wesentliches nicht wahrzunehmen – ohne es zu wollen, ich war in einem Schockzustand. Es war doch kein Witz, ich hatte mit dem Tod gerungen.

Ja, Mann, wie habt ihr das gemacht?

Kirpitsch hat eingelenkt.

Was? Ist das dein Ernst?

Ja, so ist es.

Wie? Woher? Warum?

Wir waren zusammen, als ich von dir erfuhr, da wurde er verrückt. Der Direktor vom Sklifosovsky ist mein Kumpel und ich werde mich um ihn kümmern, sagte er.

Direktor oder Chefarzt?

Ja, wie auch immer.

Ich bin bei ihm eingedrungen, um ihm sein Geld wegzunehmen, und … ich kann´s nicht kapieren, manno.

Was hast du nicht kapiert, hast du deine Ritterlichkeit vergessen?

Keine Ritterlichkeit, Donquichotterie.

Er ist fasziniert von dir.

Was habt ihr getan, als ich ging? Habt ihr die im Safe gefundenen tausend Dollar nicht mitgenommen?

Nein, haben wir nicht. Fünfzehntausend musste er uns geben, wer brauchte da seine jämmerlichen tausend Dollar.

Nun, was habt ihr dann gemacht?

Gar nichts, sind einfach weggegangen, das war´s.

Wann habt ihr euch gesehen, du sagtest doch, ihr wart zusammen?

Ein paar Tage später gab er für die Tschetschenen ein Essen und hatte dazu auch uns eingeladen.

Und dann?

Dann zeigte er uns, dass er kein Schutzgeld für die Tschetschenen mitgebracht hatte. Kurz gesagt, er hatte uns wirklich nicht angelogen.

Und weiter, worauf habt ihr euch geeinigt?

Auf nichts, worauf hätten wir uns einigen sollen, wir ließen ihn in Ruhe. Er kann machen, was er will, scheint kein schlechter Kerl zu sein.

Ich bin echt froh darüber.

Ich wusste, du würdest dich freuen.

Wäre das alles ohne Gott passiert? Hätte ich ohne Gott überlebt und hätten unsere bösen Taten ein so gutes Ende nehmen können? Nein, solche Dinge geschehen nicht zufällig. Menschenliebe ist die Wurzel von allem, ja, die Liebe der Menschen. Alle klaren und wahren Pfade können nur durch Liebe gesucht und gefunden werden. Mit Menschlichkeit und Reue beginnt die Öffnung der erblindeten Augen, um die Welt neu zu erblicken. Mit Egoismus, Arroganz und Coolness gerätst du in eine Sackgasse, eine Sackgasse, aus der es sehr schwer ist, zu entkommen, aber wenn du willst, ist es immer möglich.

Und dann, kaum aufgestiegen aus dem verführerischen, tödlichen Sumpf, wird dich der sich durch ehemalige Nachlässigkeit angesammelte Schlamm und Modergeruch noch lange behindern. Es ist, als wäre ein nicht entfernbarer Fleck auf der Kleidung verschmiert, die du weder ausziehen noch waschen kannst. All die Übel, die aus Dämlichkeit oder aus anderen Gründen begangen werden, lauern wie eine in jeder Ecke für dich aufgestellte Falle. Aber du gehst, du gehst trotzdem weiter, weil du fühlst, dass du auf dem Weg zum Guten nach und nach keine Angst zu haben brauchst, weder vor der Gefahr der aufgestellten Fallen noch vor dem Blick zurück.

Er hat zweimal auf dein Wohl getrunken, – berichtete Saschka weiter über das von Kirpitsch ausgerichtete Essen.

Bist du nicht mehr sauer auf mich?

War ich auch nicht.

Lüge nicht.

Ich lüge nicht.

Nun, warum hast du dich die letzten Tage nicht blicken lassen?

Petka und Viktor sind auch noch da.

Warum warst du nicht da?

He, Alter, lass mich in Frieden, ich war nicht sauer, sagte ich doch.

Er hatte mir immer noch nicht geantwortet. Ich habe auch nicht mehr gebohrt.

Hast du gehört, die Jungs sind auch hier?

Ja, toll, wo sind sie?

Der Arzt sagte, du solltest Brühe trinken, und sie gingen welche holen.

Und Vova und Nataschka?

Sie sind zu Hause. Die Polizei ist da.

Warum wurde die informiert?

Was heißt „warum“? Als Nataschka dich blutbefleckt und bewusstlos fand, trommelte sie mit ihrem gellenden Geschrei die ganze Nachbarschaft zusammen.

Und jemand hat bei der Polizei angerufen, nicht wahr?

Ja klar, was hätten sie sonst tun sollen!

Wenn die auch hier auftauchen?

Ausgeschlossen. Kirpitsch hat schon alles geregelt.

Wie denn?

Jeder, angefangen beim Chefarzt bis hin zur Krankenschwester, ist darüber instruiert, mucksmäuschenstill zu sein.

Bravo, Kirpitsch!

Ja, ganz toll …

Dass ich auch keine Gehirnerschütterung erlitten habe?

Ja, wirklich, es ist ein Wunder.

Wann entlassen sie mich denn?

Vielleicht morgen.

Und was wird dann?

Deine Rückkehr nach Presnya ist vorläufig zu gefährlich.

Nun, wo soll ich hin?

Wo? Zu Pawlowitsch.

Zu wem?

Zu meinem Großvater in Pakhra.

 

Das Buch